Nestle und Mars kaufen Tierarztpraxen – Kritik wird lauter

Immer mehr Tierarztpraxen in Deutschland wechseln den Eigentümer. Große Konzerne wie Nestlé oder Mars kaufen seit Jahren ganze Praxen und Kliniken auf. Das stößt auf herbe Kritik seitens der Haustierbesitzer, aber auch von Branchenkennern.

Mehr als 150 Praxen und Tierkliniken sind in jüngster Zeit nicht mehr inhabergeführt, denn große Unternehmen kaufen sich derzeit europaweit immer stärker in die Tiermedizin ein. Zwei der größten Lebensmittelkonzerne der Welt stehen dabei an vorderster Front. Die Tierärztekammer und andere Experten sowie auch viele private Tierhalter sehen die Entwicklung kritisch.

Nestlé und Mars – Großkonzerne kaufen Tierarztpraxen

Hinter den seit einiger Zeit grassierenden Aufkäufen von Tierarztpraxen in Deutschland stehen die weltbekannten Großkonzerne Nestlé und Mars – allerdings nicht sofort erkennbar unter den genannten Weltmarken, sondern nach einschlägigen Recherchen über die schwedischen Unternehmen Anicura und Evidensia. Während Evidensia bereits seit einigen Jahren zum Nestlé-Konzern gehört, hat der US-Lebensmittelriese Mars die Marke Anicura Ende des Jahres 2018 übernommen.

Ganz fremd ist der Heimtierbereich den global tätigen „Big Playern“ indes nicht. Bereits seit Jahrzehnten mischen Nestlé und Mars auf dem Tierfuttermarkt mit und vertreiben dort insbesondere Hunde- und Katzenfutter unter verschiedenen Markennamen. Die Umsätze bewegen sich im Milliardenbereich.

Jetzt entern die Konzerne also zunehmend auch den Bereich der Heimtiermedizin und der Heimtierservices. Experten erwarten, dass sich dieser Trend in den nächsten Jahren fortsetzen und sogar noch verstärken wird.

Doch wo liegen die Gründe dieser Entwicklung?

Zunächst einmal besteht ein generelles Problem darin, dass die Tendenz zur Selbstständigkeit im Bereich der Tiermedizin bei jungen Menschen in den letzten Jahren deutlich zurückgeht. Viele scheuen das damit verbundene Risiko und die starke Arbeitsbelastung durch eine eigene Praxis – Wochen mit 60 oder mehr Arbeitsstunden sind hier keine Seltenheit.

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Hier scheint auch der allgemeine Trend durch, dass Berufseinsteiger heute generell mehr Wert auf eine ausgeglichene Work-Life-Balance legen, als es noch vor wenigen Jahren der Fall war.

Diese Entwicklung zeigt sich letztendlich darin, dass junge Menschen verstärkt nach gut dotierten Positionen im Angestelltenverhältnis in großen Unternehmen suchen, anstatt eine Selbstständigkeit anzustreben. Somit fehlt schlichtweg der Nachwuchs bei jungen Tierärzten und Tierärztinnen mit eigener Praxis.

Kauft ein Global Player wie Nestlé oder Mars nun eine Tierarztpraxis auf, kann sie Berufseinsteigern einen solch lukrativen Posten als Angestellter anbieten – mit allen dazu gehörenden – vermeintlichen oder auch tatsächlichen – Vorzügen. Für die Tierhalter spielt es letztendlich keine Rolle, ob der behandelnde Arzt Angestellter eines Unternehmens oder Selbstständiger ist.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Rein rechnerisch braucht es heute drei Tierärzte für eine Vollzeitstelle. Das hat mit der Feminisierung des Berufs zu tun, denn rund 85 Prozent der Tiermedizinstudenten sind Frauen. Themen wie die anstehende Familienplanung führen damit zu den bekannten Problemen des Berufsstandes. Daher plädieren viele Experten dafür, zukünftig mehr Tierärzte auszubilden.

Renditeobjekt Haustierhalter

Mit Haustieren lässt sich sehr gutes Geld verdienen – das ist nicht erst seit gestern bekannt. Schaut man sich allein den Markt für Tierfutter an, so wurden im Jahr 2018 international mehr als 90 Milliarden Dollar in diesem Segment umgesetzt. Hinzu kommt der gesamte Markt für Tiermedizin und Dienstleistungen. Jedes Jahr ergibt sich eine Wachstumsrate von etwa sechs Prozent.

Ein weiterer Pluspunkt für Hersteller und Investoren: Dieser Markt erweist sich immer wieder als erstaunlich krisenfest. Kein Wunder: In der Regel sind die geliebten Haustiere die letzten, bei denen der Mensch Abstriche in schlechten Zeiten macht.

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Hauptkritikpunktee an den Übernahmen von Tierarztpraxen durch Mars & Co.

Der Hauptkritikpunkt besteht für die Tierärztekammer darin, dass die bei Nestlé und Mars angestellten Ärzte aufgrund ihrer Abhängigkeit vom jeweiligen Großkonzern nicht mehr frei über die Eignung von Medikamenten, Futtermitteln & und Co. entscheiden können. Man befürchtet also, dass den Tierhaltern nicht mehr die für ihr Tier besten Produkte angeboten werden, sondern jene, deren Verkauf für den Konzern am lukrativsten ist.

Hier kommen die sogenannten Cross Promotions ins Spiel. Bedeutet: Der jeweilige Konzern wird bemüht sein, beispielsweise bei Hundenahrung vorrangig die Produkte aus dem eigenen Haus empfehlen zu lassen.

Dass die Qualität der Arbeit der Tierärzte unter dem Einfluss der beiden Großkonzerne leidet, befürchten die Experten indes nicht. Als Investoren müssen auch die Großkonzerne nachhaltig Geld verdienen und daher streng darauf achten, dass die Qualität der Behandlungen stimmt und alles auf das Wohl des Tieres ausgerichtet ist. Schließlich haben insbesondere weltbekannte Großkonzerne einen wertvollen Ruf zu verlieren – auch weil sie im direkten Wettbewerb zueinander stehen.

Fazit – und die Frage an die eigene Moral

Fest steht: Die Übernahmen von Tierarztpraxen durch Großkonzerne ist in vollem Gange und wird auch in den kommenden Jahren weiter anhalten. Für die Tierhalter wird sich dadurch vordergründig erst einmal nichts ändern. Gleichwohl berichten immer mehr Tierhalter vor höheren Behandlungskosten und vermeintlich unnötigen Behandlungen.

Allerdings kommt hier eine moralische Zwickmühle hinzu: Auch wenn sich die Kritikpunkte an den Übernahmen von Tierarztpraxen durch Großkonzerne wie Nestlé und Mars letztendlich nicht bewahrheiten, werden sich viele Tierhalter fragen, ob sie durch die Behandlung ihres geliebten Vierbeiners die (bereits gut gefüllten) Kassen jener Unternehmen füllen sollen, die in der Vergangenheit weltweit negative Schlagzeilen durch Tierversuche, illegale Preisabsprachen, Zerstörung wertvoller natürlicher Ressourcen und teilweise sogar durch Kinder- und Zwangsarbeit sowie Menschenhandel gemacht haben. Diese Frage muss sich jeder selbst beantworten.

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Foto: criene vie Twenty20

Hajo Simons
Hajo Simons

arbeitet seit gut 30 Jahren als Wirtschafts- und Finanzjournalist, überdies seit rund zehn Jahren als Kommunikationsberater. Nach seinem Magister-Abschluss an der RWTH Aachen in den Fächern Germanistik, Anglistik und Politische Wissenschaft waren die ersten beruflichen Stationen Mitte der 1980er Jahre der Bund der Steuerzahler Nordrhein-Westfalen (Pressesprecher) sowie bis Mitte der 1990er Jahre einer der größten deutschen Finanzvertriebe (Kommunikationschef und Redenschreiber).

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